in puncto dzb lesen - 02 / 2026
Ausgabe 02 / 2026
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
stellen Sie sich vor, Sie stehen in unserer Druckerei und hören das Rattern der Maschinen. Mithilfe der Handtiegeldruckpresse werden die Braillepunkte auf die Doppelbögen eines ganz besonderen Bilderbuches geprägt. Wir sind für Sie dabei, wenn das Buch „Badetag für Hasenkind“ in Schwarz- und Brailleschrift gedruckt wird.
Vom gedruckten zum digitalen Buch: Erfahren Sie mehr über die Arbeit von Cathrin Ruppert, die aus Leidenschaft zu Büchern zunächst als Buchhändlerin, dann in einem Hörbuchverlag tätig war und nun als Koordinatorin für barrierefreie E-Books im dzb lesen arbeitet.
Vom Lesen zum Hören: Die Kunst der Stille ist auch in der Hörfilmbeschreibung wichtig. Warum – erzählt Anja Lehmann im Interview. Sie ist Fachberaterin im Audiodeskriptionsteam des MDR, dessen Hörfilmbeschreibung für den Dokumentarfilm „Warten auf den Wolf“ für den Deutschen Hörfilmpreis 2026 nominiert wurde.
Außerdem erwartet Sie ein interessanter Erfahrungsbericht über die RayBan-Meta-Brille. Susanne Siems stellt Ihnen die innovative Brille vor und erklärt Ihnen, warum sie sich für diese Brille entschieden hat.
Last but not least werden Sie mit handverlesenen Buchtipps und Kurzmeldungen überrascht. Ich wünsche Ihnen nun eine informative und unterhaltsame Lektüre!
Ihre Gabi Schulze
Redakteurin „in puncto dzb lesen“
Im Fokus
Druckfrisch aus der Presse: „Badetag für Hasenkind“
Das Cover des Kinderbuches zeigt einen kleinen weißen Hasen, der in einer Badewanne sitzt. Auf seinem Kopf trägt er eine große Schaumhaube, als wäre er gerade dabei, sich die Haare zu waschen. In der Geschichte geht es um das Haarewaschen, Abbrausen, das sanfte Abtrocknen, Föhnen und schließlich um das Eincremen. Das Buch vermittelt Kindern, dass das Baden und Haarewaschen gar nicht so schlimm sind.
Frank Becker, Leiter der Druckerei und Buchbinderei im dzb lesen, deutet auf die Kisten, die gerade von der externen Druckerei MYFLYER eingetroffen sind – Hunderte von Bögen, bedruckt mit Text und Illustrationen, noch warm vom Druck. „Jetzt beginnt unsere Arbeit," erklärt Becker. „Wir prägen die Brailleschrift ein und gestalten die Bilder taktil, indem wir verschiedene Materialien einsetzen." Die Transformation vom gedruckten zum tastbaren Bogen kann beginnen.
Externer Schwarzdruck im Oberfränkischen
Mit der Herstellung des Schwarzdrucks beauftragte das dzb lesen MYFLYER – ein modernes Druckportal im oberfränkischen Bayern. „Wir entschieden uns für MYFLYER, weil wir einen Partner brauchten, der uns den reinen Schwarzdruck mit Folienkaschierung liefern kann. Die Firma ist äußerst flexibel hinsichtlich der Formate und bietet alles aus einer Hand – von der Beratung bis zum fertigen Produkt", erzählt Isabell Eschenberg, Mediengestalterin im dzb lesen.
Sie nahm Kontakt zu Mandy Wittmann von MYFLYER auf. „Als Mama wurde ich sofort hellhörig bei dem Titel“, erzählt Wittmann. Ihre Tochter liebt das Buch so sehr, dass beide die Texte mittlerweile auswendig mitsprechen können. „Meine Tochter hat zwar keine starke Seheinschränkung, trägt aber eine Brille und wir müssen ihr Auge täglich mit bunten Pflastern abkleben. Das Thema ist für uns alltäglich – und es sensibilisiert uns."
Digitaldruck und Folienkaschierung
Eine Digitaldruckmaschine überträgt die Texte und farbigen Abbildungen direkt vom Computer auf das Papier. Anschließend werden die Doppelbögen cellophaniert, d. h. mit einer matten Folie überzogen. Die Folienkaschierung ist notwendig, damit bei der Brailleprägung die Punkte nicht aufplatzen. Ein Greifarm mit Saugknöpfen hebt jeden Papierbogen vorsichtig an und führt ihn in die zwei Meter lange Kaschiermaschine. Der Papierbogen wird zwischen zwei Rollen, die sich langsam drehen, eingezogen und mit einer hauchdünnen Kunststofffolie überzogen. Am Ende der Maschine fällt der fertig laminierte Bogen in ein Ablagefach. Diese Technik macht die Druckprodukte langlebiger, robuster gegen Schmutz und Feuchtigkeit sowie optisch hochwertiger. Anschließend werden die laminierten Bögen zur Schneidemaschine transportiert. Eine lange, scharfe Klinge fährt von oben nach unten und entfernt zunächst die überschüssigen Ränder, bevor sie die Bögen auf das Endformat zuschneidet. Fertig zugeschnitten werden die Doppelbögen mit einer Auflage von 250 Exemplaren in Kisten verpackt und an das dzb lesen verschickt.
Prägung der Brailleschrift
Während der Schwarzdruck bei MYFLYER erfolgt, wird im dzb lesen der Text des Kinderbuches in Brailleschrift auf Zinkplatten punziert. Sie dienen als Vorlage für die Prägung auf das Papier und müssen entsprechend des Kinderbuchformates zurechtgeschnitten werden. Sind die von MYFLYER bedruckten Bögen im dzb lesen angekommen, werden sie nach einer Qualitätsprüfung mithilfe einer Rill- oder Perforiermaschine gerillt. Das heißt, es wird eine präzise Linie in jeden einzelnen Bogen eingeprägt. Durch die Sollbiegestelle wird das Falzen der Doppelbögen zu einer Seite erleichtert und das Aufbrechen des Papiers verhindert. Die Doppelbögen werden gefalzt, damit taktile Materialien in Aussparungen auf der Vorderseite eingeklebt werden können, ohne dass die Rückseite, u. a. auch die Brailleschrift, beschädigt wird.
In der Druckerei herrscht reges Treiben – der Braillo rattert rhythmisch vor sich hin. Frank Becker deutet auf den Handtiegel am Fenster und navigiert zu den Regalen, in denen die vorgerillten Bögen des Kinderbuches lagern. „Im Handtiegel oder der Handtiegeldruckpresse wird jeder Bogen einzeln gedruckt“, erklärt er und spannt zwei Paar punzierte Zinkplatten ein. „Der Bogen wird ins offene Plattenpaar eingelegt und durch den Druck der Maschine werden die Punkte präzise ins Papier geprägt."
Bedruckte und gefalzte Doppelbögen mit eingeklebten taktilen Materialien
Der Leiter der Druckerei holt den Prototyp vom Regal – die Vorder- und Rückseite des Buches mit zehn gefalzten Doppelbögen. Einige davon werden noch gelasert. Das heißt: Die Doppelbögen erhalten Aussparungen, in die kleine, alltägliche Badezimmerutensilien eingeklebt werden – eine Shampooflasche und der Deckel einer Cremedose. Auch dazu sind viele kleine handwerkliche Schritte notwendig. Jeder Bogen wird einzeln mit diesen taktilen Materialien beklebt. Sie verwandeln das Buch in ein sensorisches Erlebnis.
Der finale Produktionsprozess erfordert Präzision: Die bedruckten und gefalzten Doppelbögen werden zusammengetragen, erhalten eine Lochstanzung und eine verdeckte Spiralbindung.
Ungefähr vier bis sechs Wochen benötigen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diesen aufwendigen Herstellungsprozess – vom Eintreffen der Schwarzdruckbögen bis zum fertigen Buch. Erst mit dem Druck nimmt eine Idee Gestaltung an, entstehen mit Präzision und Handwerkskunst Kinderbücher, die wir mit Freude weitergeben – zum Erwerb als auch zur Ausleihe.
„Badetag für Hasenkind“ von Jörg Mühle: Kinderbuch mit tastbaren Illustrationen, Großdruck und Brailleschrift, verdeckte Drahtkammbindung, Format: 19×25cm, Ausleihe 22881, Verkauf 13358, 22 Euro (netto)
Kurz gemeldet
Tag der offenen Tür 2026 im dzb lesen
Alle zwei Jahre freuen wir uns auf viele Gäste zum Tag der offenen Tür. Traditionell findet er am ersten Samstag im September statt: in diesem Jahr am 5. September. Wir laden Sie also von 10 bis 16 Uhr herzlich ein, nach Leipzig in die Gustav-Adolf-Straße 7 zu kommen. Zurzeit sind wir fleißig dabei, den Tag zu organisieren, damit er für alle ein eindrucksvoller und erlebnisreicher wird.
Freuen Sie sich auf ein abwechslungsreiches Programm mit interessanten Vorträgen, einer Hilfsmittelausstellung, Mitmach-Aktionen, Führungen und zahlreichen Informationsständen. Auch für Ihr leibliches Wohl ist bestens gesorgt.
Vormerken: Tag der offenen Tür am 5. September 2026, von 10 bis 16 Uhr
Auch Gruppenanreisen sind herzlich willkommen!
Ein sinnliches Tast- und Leseerlebnis für Kinder
Das taktile Bilderbuch „Im Wald“ von Laura Cattabianchi entführt kleine Leser auf einen Spaziergang, der all ihre Sinne anspricht und lädt sie dazu ein, aktiv teilzunehmen. Sie können mit unterschiedlichen Materialien wie Karton, Stoff und Papier, Klänge und Geräusche erzeugen, die die Erzählung lebendig werden lassen. Die Interaktionen ermöglichen es den Kindern, die Geräusche des Waldes nachzuempfinden und ihn zum Leben zu erwecken: Das Rascheln trockener Blätter, das leise Knacken großer und kleiner Äste, das sanfte Auffliegen eines Vogels und der frisch aufkommende Wind. Der Regen beginnt sanft, steigert sich jedoch bald zu einem kräftigen Prasseln. Und zu Hause knistert das Feuer im Kamin …
Ein außergewöhnliches Buch, das zum Hören, Sehen und Fühlen einlädt – ein sinnliches Leseerlebnis, das Kinder aktiv in die Geschichte eintauchen lässt.
Texte in Großschrift und Braillevollschrift, geeignet für Kinder ab ca. 4 Jahre, zum Lesen ab ca. 7 Jahre, für blinde und sehende Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel …
Edition Anderes Sehen 2025
Preis: 73,83 Euro (im Shop des dzb lesen erhältlich)
Direktorenwechsel im dzb lesen
Ab dem 1. April 2027 übernimmt Marcel Graef die Leitung des dzb lesen und tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Thomas Kahlisch an. Marcel Graef bringt als Führungskraft langjährige Erfahrung in den Bereichen strategische und technologische Entwicklung und Mitarbeiterführung mit. Über 12 Jahre war er in der Automobilindustrie und im Bereich Automatisierung tätig, wo er komplexe Softwareprojekte verantwortet und Teams aufgebaut hat. Prof. Dr. Thomas Kahlisch wird das Haus noch bis zum 31. März 2027 führen und Marcel Graef in seine neuen Aufgaben einarbeiten.
Sachsen-Tourismusführer Teil 3 erscheint
„Leipzig und das Heide- und Burgenland“ – so heißt der dritte Teil der fünfteiligen Reihe „Unterwegs in Sachsen“. Neben der sächsischen Metropole und ihren Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel der Thomaskirche, Auerbachs Keller und dem Völkerschlachtdenkmal, stellt er auch das Leipziger Neuseenland vor.
Der Tourismusführer lädt ein, das Heide- und Burgenland Sachsens zu erkunden. Dazu gehören die Dahlener und Dübener Heide sowie der Wermsdorfer Wald, das Kohrener Land und die malerischen Täler der Zwickauer und Freiberger Mulde sowie der Zschopau.
Er zeigt historische Sehenswürdigkeiten im Relief, wie z. B. das Rathaus in Oschatz, den Töpferbrunnen in Kohren-Salis und Burg Kriebstein. Eine taktile Karte gibt einen Überblick über die geografische Lage des Heide- und Burgenlandes in Sachsen und zeigt touristische Ziele.
Ringbuch, Großdruck und Brailleschrift, farbige Fotomotive mit transparenten Folienreliefs, zusätzliche Audio-Informationen zu weiteren Sehenswürdigkeiten und Naturlandschaften (zugänglich über QR-Codes oder Weblink)
Preis: 29,90 Euro
Erscheint Ende Juni/Anfang Juli 2026. Vorbestellungen sind möglich!
Die Veröffentlichung zwei weiterer Teile der Reihe ist in Arbeit. Dazu gehören: „Erzgebirge“ (Teil 4) und „Vogtland“ (Teil 5)
Bereits erschienen sind: „Dresden, Sächsische Schweiz und Elbland“ (Teil 1), „Oberlausitz und Zittauer Gebirge“ (Teil 2)
Spannende Detektivgeschichten im Abo: „Die drei !!!“ und „Die drei ???“
Seit April 2026 bietet das dzb lesen ein Jahresabonnement mit zwei Büchern aus der legendären Detektivreihe „Die drei ???“ rund um Justus, Peter und Bob an. Seit über 50 Jahren lösen sie als beste Freunde mysteriöse Fälle — Spannung und Gänsehaut garantiert. Jetzt kommt ein weiteres Jahresabonnement hinzu: „Die drei !!!“ mit den Detektivinnen Kim, Franzi und Marie — das Pendant zu „Die drei ???“. Beide Abonnements liefern ein packendes Detektivabenteuer für die ganze Familie: die Geschichten erscheinen wöchentlich und sind fortlaufend lesbar. Jedes Buch ist jedoch in sich abgeschlossen.
Tipp: Bestellen Sie gern beide Abonnements und lesen Sie die Reihen abwechselnd.
Die beiden Jahresabonnements im Überblick
„Die drei ???“
Darin enthalten sind folgende Bücher:
„Das weiße Auge“ – Start: 14. April bis Juni 2026
„Meister des Lichts“ – Start: 6. Oktober bis Dezember 2026
„Die drei !!!“
Darin enthalten sind folgende Bücher:
„Sternschnuppen-Nächte“ – Start: 7. Juli bis September 2026
„Das Geheimnis des alten Friedhofs“ – Start: 5. Januar bis März 2027
Für beide Abonnements gilt:
Erscheinungsweise: wöchentlich
Format: Braillevollschrift (gedruckt) und (digital, BRL-Datei)
Gesamtumfang: pro Titel 12 Hefte, ein Abonnement 24 Hefte
Der Einstieg ist auch quartalsweise möglich
Preis pro Heft: 1,35 Euro (gedruckt), 1,15 Euro (digital)
Bestellung
Telefon: 0341 7113-120
EMail: abo@dzblesen.de (Bitte gewünschtes Format angeben.)
Unterbrechung der Brailleausleihe
Im kommenden Sommer werden wir unsere Brailleausleihe auf das Bibliothekssystem DIBBS umstellen, das in Zusammenarbeit mit den Medibus-Bibliotheken entwickelt wurde. Über dieses System erfolgt bereits die Ausleihe der Formate Hörbuch, Großdruck, E-Book und BRL. Nach der Umstellung können alle Nutzerinnen und Nutzer ihre Braillemedien bequem über „Mein Konto“ verwalten und benötigen nur noch eine einzige Nutzernummer für alle Formate. Zudem wird es einen einheitlichen Katalog für Braillemedien geben. Damit die Umstellung reibungslos verläuft und wir Ihnen künftig einen verbesserten Service anbieten können, müssen wir die Ausleihe für ein paar Tage im August unterbrechen. Über die genaue Zeit der Unterbrechung werden alle Braillenutzerinnen und -nutzer schriftlich informiert. Wir bitten um Ihr Verständnis und danken Ihnen für Ihre Geduld während der Anpassungsphase.
Einblicke
Als Brückenbauerin für barrierefreie E-Books unterwegs
E-Books passen ausgezeichnet zu individuellen Lesebedürfnissen, wenn sie barrierefrei aufbereitet sind. Man kann sie über Computer, Tablet sowie Smartphone in Verbindung mit einer Lesesoftware (EasyReader) lesen, die Schrift vergrößern oder den Kontrast anpassen. Sie können aber auch mit einem Screenreader bzw. auf der Braillezeile gelesen werden. E-Books müssen nicht aufwendig gedruckt – aber barrierefrei produziert – werden. Dann sind die Bücher sofort und nicht erst Monate später verfügbar.
„Seit der Einführung des neuen Mediums E-Book im letzten Jahr arbeiten wir intensiv daran, das Ausleihangebot auszubauen“, sagt Cathrin Ruppert. „Ich bin überzeugt: Je größer unser Angebot, desto mehr Menschen werden die E-Books nutzen.“ Eine ihrer Aufgaben ist es sowohl im dzb lesen hergestellte als auch kommerzielle E-Books auf Barrierefreiheit zu prüfen. Mit dem Thema „Digitale Barrierefreiheit“ hat sich die studierte Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin bereits auseinandergesetzt, als sie in einem Leipziger Hörbuchverlag tätig und dort für die Programmauswahl, die Planung, den Vertrieb und Social Media verantwortlich war. Damals widmete sie sich relativ intensiv der barrierefreien Aufbereitung von Internetseiten.
Was heißt es, inklusives Publizieren zu koordinieren?
Seit Juni 2025 arbeitet sie als Koordinatorin für inklusives Publizieren im dzb lesen. „Ich sage immer: Ich bin die Brücke zwischen den kommerziellen Buchverlagen und der Barrierefreiheit“, merkt Cathrin Ruppert an. „Ich halte Schulungen und zeige, wie bereits bei der Manuskripterstellung barrierefreie Standards eingebaut werden können – statt diese erst nachträglich aufwendig nachzurüsten. So wird Barrierefreiheit zum natürlichen Bestandteil des Produktionsprozesses."
Einen typisch routinierten Arbeitsalltag gibt es für die temperamentvolle junge Frau nicht. Ihre Woche ist geprägt von zahlreichen Meetings, wobei eine konstante Aufgabe die Prüfung interner E-Books darstellt – in der Regel sind das zwei pro Woche. Zusätzlich variiert ihre Tätigkeit stark. Manchmal schreibt Cathrin Ruppert für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wenn dieser ein Informationspapier benötigt, oder organisiert neue Webinare. Zudem ist sie regelmäßig für den Börsenverein aktiv, u. a. in der Taskforce „Barrierefreiheit“. Auch wenn der zentrale Auftrag der Arbeitsgruppe mit dem Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes im Juni 2025 umgesetzt wurde, hat das Team weiterhin noch einige Aufgaben zu erledigen. So ist die Taskforce mit der Marktüberwachungsbehörde in Kontakt und berät sie zu unterschiedlichen Themen. Sie überarbeitet den Leitfaden, der definiert, wie Verlage E-Books aufbereiten müssen, damit sie für alle Menschen zugänglich sind. Zudem tauchen neue Fragen zu weiteren Themen auf, zum Beispiel zur Rolle von Künstlicher Intelligenz für die Barrierefreiheit. Auch das Thema Backlist, also ältere Verlagstitel, bleibt bisher ungeklärt.
Buchhändlerin – schönster Beruf der Welt
„Die Zusammenarbeit mit dem Börsenverein ist äußerst positiv. Wir haben einen festen Termin alle zwei Wochen, bei dem wir uns im engen Austausch darüber befinden, was die Mitglieder beschäftigt und wo wir ihnen Unterstützung anbieten können“, erzählt Cathrin Ruppert, die schon immer Freude an Büchern hatte. Deshalb absolvierte sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Buchhändlerin und arbeitete bis zu ihrem Studium in diesem Job. „Ehrlich gesagt: Buchhändlerin zu sein, ist für mich der schönste Beruf der Welt. Natürlich ist die Arbeit auch sehr anstrengend — lange Stehzeiten, schweres Heben und viel Herumlaufen verlangen einiges ab — doch der Beruf an sich macht unglaublich viel Freude. Mein aktueller Job kommt dem auf andere Weise aber auch sehr nahe.“
Prüfkriterien in der Praxis testen
Statt Bücher ins Regal zu sortieren, sortiert sie nun deren digitale Qualität: So prüft sie beispielsweise die für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten E-Books auf Barrierefreiheit und ebnet damit den Weg für ein breiteres Lesepublikum. „Grundlage für meine Tests ist ein Prüfrahmen, der innerhalb des Medibus-Projektes erstellt wurde und von uns im dzb lesen noch einmal überarbeitet wird, damit er schneller umsetzbar ist“, erklärt die Koordinatorin. Geprüft wird unter anderem, ob die Texte mit Überschriftenhierarchien, Aufzählungslisten und nummerierten Listen ausgezeichnet, Alternativtexte für Bilder, Sprachauszeichnungen und ein interaktives Inhaltsverzeichnis vorhanden sind, Formeln, Tabellen und Fußnoten in zugänglicher Form dargestellt werden.
Kontakte knüpfen und Kooperationen aufbauen
Ihr Talent, sich mit wichtigen Partnern effizient zu vernetzen, erweist sich auch in ihrer jetzigen Position als Koordinatorin als großer Vorteil. Zur Leipziger Buchmesse in diesem Jahr war sie das erste Mal für das dzb lesen unterwegs, um Kooperationen im Bereich Barrierefreiheit mit Vertretern des Börsenvereins und den Buchverlagen zu vertiefen. „Ich konnte an den Ständen vieler Musikverlage vorbeischauen und unser Zentrum vorstellen“, erzählt Cathrin Ruppert. „Es ging mir vor allem darum, erste persönliche Kontakte zu knüpfen und ins Gespräch zu kommen. Meine Erfahrung zeigt: Wenn man die Leute persönlich kennt und mit ihnen gesprochen hat, funktioniert die künftige Zusammenarbeit deutlich besser."
Die Leidenschaft für Bücher und die Freude, andere daran teilhaben zu lassen, überträgt Cathrin Ruppert engagiert auf ihren Job: zunächst als Buchhändlerin klassischer Bücher, später als Mitarbeiterin eines Hörbuchverlages und jetzt als Koordinatorin für die Produktion barrierefreier E-Books.
Interview
Die Kunst der Stille in der Hörfilmbeschreibung
Der belgisch-französische Film „Warten auf den Wolf“ von Tanguy Dumortier und Olivier Larrey wurde in der Kategorie Dokumentation für den Deutschen Hörfilmpreis 2026 nominiert. In eindrucksvollen Aufnahmen zeigt der Film, wie zwei Männer monatelang in einer abgelegenen Hütte am östlichen Rand von Finnland auf Wölfe warten und diese schließlich aus nächster Nähe beobachten. Der Mitteldeutsche Rundfunk produzierte die Audiodeskription für diesen Film. Er ist ein echtes Hörerlebnis, meint Anja Lehmann aus dem dzb lesen. Sie übernahm als blinde Person die Fachberatung im Audiodeskriptionsteam des MDR.
Sie waren im März bei der Verleihung des Deutschen Hörfilmpreises dabei. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
Es war eine tolle Veranstaltung mit Musik, Moderation, vielen Preisträgerinnen und -trägern. Das ganze Geschehen und die Personen auf der Bühne wurden natürlich auf unterhaltsame Weise so beschrieben, dass man allem folgen konnte. Filmexperten, Sponsoren und Entscheidungsträger meldeten sich zu Wort. In diesem Jahr ging es viel um die Rolle der KI. Sie wurde immer wieder von Preisträgern, Laudatoren und Filmemachern in den Fokus der Reden gerückt. Aufgefallen ist mir, dass in diesem Jahr meiner Meinung nach richtig gute Filme nominiert wurden. Ich finde, dass das Niveau in den letzten Jahren unheimlich zugenommen hat.
Was waren Ihre Highlights?
Ich war beeindruckt von „Like A Complete Unknown“. Der Preis für die beste Audiodeskription (AD) in der Kategorie „Spielfilm Kino“ ging an diese wunderbare Filmbiografie über Bob Dylan. Auch der Dokumentarfilm „Magisches Frankreich – von der Provence zu den Pyrenäen“, der in unserer Kategorie nominiert war, hat mir sehr gefallen. Außerdem war es schön, dass der MDR das Audiodeskriptionsteam von „Warten auf den Wolf“ zur Verleihung eingeladen hatte. So konnte ich mich mit einigen aus dem AD-Team des MDR in entspannter Atmosphäre unterhalten. Es ist ein sympathisches Team, mit dem ich gern zusammengearbeitet habe.
Was hat Ihr Interesse an der Audiodeskription geweckt?
Ich entdeckte während meines Studiums zufällig die Möglichkeit, an einem Tageslehrgang zur Audiodeskription teilzunehmen, da eine Freundin kurzfristig absagte. Daraufhin schrieb ich zusammen mit anderen Studierenden eine Audiodeskription für einen Film. Als der MDR im dzb lesen einen Workshop zur Hörfilmbeschreibung anbot, meldete ich mich sofort.
Das Thema fasziniert mich sehr, da es viel mit der Kunst zu tun hat, Inhalte in ein anderes Format zu bringen – ähnlich wie beim Übersetzen in eine andere Sprache. Das praktiziere ich bereits als Übersetzerin. Außerdem ist es mir wichtig, möglichst viele Formate zugänglich zu machen, denn der Film stellt ein ganz anderes Format dar als ein Buch oder ein Podcast.
Erzählen Sie bitte von Ihrer Tätigkeit und erläutern Sie, welche Rolle Ihre Arbeit im Prozess der Erstellung der Audiodeskription spielt.
Das dzb lesen arbeitet in Sachen Barrierefreiheit schon viele Jahre mit dem MDR zusammen. Wenn wir bei Hörfilmbeschreibungen angefragt werden, kommen wir mit dem AD-Team des MDR zusammen. Es besteht aus der Leiterin der Filmbeschreibung vom MDR, der Redakteurin, der Autorin, der Sprecherin, dem Aufnahmeleiter und einer blinden bzw. sehbehinderten Person für die fachliche Beratung. Die Arbeit des AD-Teams beginnt, wenn der Film fertig ist. Dann verfasst ein Autor bzw. eine Autorin die Hörfilmbeschreibung. Gemeinsam mit der Redakteurin gehe ich die Audiodeskription des Filmes durch. Wenn ich mir eine Szene nicht vorstellen kann, wird der Film gestoppt und die Redakteurin beschreibt mir die Stelle. Wir überlegen dann, wie wir die Szene anschaulicher und treffender beschreiben können. Dabei müssen wir genau abwägen, welche Wörter wir in den Pausen zwischen den Dialogen und Geräuschen austauschen. Zudem sollten die Beschreibungen nicht im Vordergrund stehen. Der Zuschauer möchte vor allem den Film genießen.
Der Film ist durch sein ruhiges Tempo geprägt und bietet zahlreiche Pausen, die Raum für detaillierte Beschreibungen lassen. War dieser Umstand eher herausfordernd oder erleichterte er die Beschreibung?
Ich denke, die Herausforderung lag hauptsächlich im Inhalt. Es gilt, das Publikum so einzufangen, dass es den Film wirklich genießen kann. Wenn viel Raum für Beschreibungen vorhanden ist, kann es auch herausfordernd sein, die Stille zuzulassen. Es stellt sich die Frage: Möchte ich kontinuierlich Informationen erhalten oder auch einmal die Stille erleben? Die gewählte Sprache muss sich harmonisch einfühlen, um diese Balance zu schaffen.
Das Leben wilder Wölfe aus nächster Nähe beobachten und künstlerisch festhalten — das Warten auf die Wölfe ist alles andere als actiongeladen. Woher kommt dann die Spannung im Film?
Ich glaube, die Spannung entsteht durch die dramaturgische Konstruktion: Die beiden Männer leben monatelang in der Hütte und beobachten die Natur in aller Ruhe. Zunächst erscheinen andere Tiere, und man fragt sich: Wann kommen endlich die Wölfe? Besonders spannend fand ich die Szenen mit dem Vielfraß: Nachdem die Wölfe da sind, wollen sie fressen — plötzlich leidet man mit dem Vielfraß und hofft, dass er den Wölfen entkommen kann.
Sie können den Hörfilm im dzb lesen ausleihen: CD DAISY (00:44 h), 2502
Vorgestellt
Lesetipp: Berühmte Romanschauplätze
Einige Orte und Städte scheinen nahezu prädestiniert, als Kulisse für Romane zu dienen. Häufig handelt es sich dabei um Metropolen wie London, Berlin, Paris oder New York. Ohne die einzigartige Atmosphäre dieser Städte würde die Handlung nur halb so lebendig sein. Wir haben in unseren Katalogen recherchiert und präsentieren Ihnen im Folgenden unsere Lesetipps. Vielleicht finden Sie das ein oder andere Buch, das perfekt als Lektüre für Ihren Urlaub geeignet ist.
Neil Gaiman: Niemalsland
In diesem 1997 erstmals in deutscher Sprache erschienenen Fantasy-Roman (original: Neverwhere), den man heute oft als Klassiker seines Genres bezeichnet, ist London und seine parallel existierende Unter- bzw. Parallelwelt Hauptschauplatz, der von einer Vielzahl mythischer Gestalten und fantastischer Wesen bevölkert wird. In diese Parallelwelt wird der gutmütige Broker Richard Mayhew kurzerhand hineinkatapultiert, als er einem verletzten Mädchen namens Door hilft und daraufhin seine Identität verliert. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die reale Welt zu verlassen und dem Mädchen in die Unterwelt zu folgen. Dort hilft er Door, die von zwei bösartigen, skurrilen Gestalten gejagt wird, und sucht gemeinsam mit ihr nach den Mördern ihres Vaters.
Neil Gaiman gelingt mit seinem märchenhaft-poetischen Erzählstil ein spannender, mit bissigem Humor gepaarter Fantasy-Roman, in dem Londoner U-Bahn-Stationen ein eigenes, fantastisches Leben entwickeln.
CD DAISY (10:19 h), Ausleihe 42575
Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen
Saint Malo, eine Stadt am Meer und in der Bretagne gelegen, ist bekannt für ihre beeindruckenden Granitbauten, die sich majestätisch gegen die raue Küstenlandschaft abheben. Die Altstadt, umgeben von einer gut erhaltenen Stadtmauer, lädt zu Erkundungen ein. Dorthin – allerdings ins Jahr 1944 – entführt uns Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“. Die Stadt ist von der deutschen Wehrmacht besetzt und wird von den Alliierten zerbombt. In einem der zerbombten Häuser ist der 18-jährige Wehrmachtsangehörige Werner Hausner verschüttet. Viele Straßenzüge weiter ist eine blinde junge Frau in größter Gefahr. In Rückblenden erzählt der Autor die Vorgeschichte seiner beiden Hauptfiguren, die das unsichtbare Licht der Radiowellen in der Küstenstadt miteinander verbindet.
CD DAISY (17:35 h), Ausleihe 32784
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes
Auch in den Romanen des spanischen Schriftstellers Carlos Ruiz Zafón nimmt eine Stadt die Hauptrolle ein: Der Roman entführt in das Barcelona der 1940er Jahre und spielt unter anderem in den engen, dunklen Gassen und Stadtpalästen des gotischen Viertels. Der Pageturner erzählt die Geschichte von Daniel Sempere, der sich auf dem Friedhof der vergessenen Bücher das Buch „Der Schatten des Windes“ aussucht. Dieses Buch wird fortan sein Leben bestimmen. Über Jahre hinweg versucht er, mehr über dessen Autor Julián Carax zu erfahren. Doch seine Nachforschungen bringen ihn selbst in Lebensgefahr. Mit großer Fabulierkunst und einer Vielzahl an Charakteren erzählt der Autor über mehrere Handlungsstränge und einen Zeitraum von über fünfzig Jahren eine geheimnisvolle Geschichte über Liebe und Verrat. Ein Roman, der bis zur letzten Seite fesselt! Auch alle anderen Romane der Serie vom „Friedhof der vergessenen Bücher“ spielen sich in Barcelona ab.
Großdruck, 6 Bände, Ausleihe 805
CD DAISY (16:26 h), Ausleihe 13670
Lutz Seiler: Stern 111
Das Berlin der Nachwendezeit ist der Schauplatz Lutz Seilers Romans „Stern 111“. In den heruntergekommenen Häuserblocks von Berlin Mitte und Prenzlauer Berg zwischen Rykestraße, Oranienburger Straße und Kollwitzplatz skizziert er ein Panorama von Berlin, in dem nach dem Mauerfall alles möglich war. Seinen Protagonisten Carl, der Maurer ist und Schriftsteller werden will, verschlägt es nach Berlin. Er landet in einer anarchistischen Gruppe von Hausbesetzern und Künstlern, die sich ein Café mit den Namen „Die Assel“ als Treffpunkt einrichtet. Ein bemerkenswert poetischer Roman, in dem die Zeit nach dem Mauerfall in Berlin und die sonderbare Stimmung zwischen Anarchie, Freiheit und Aufbruch wunderbar lebendig werden.
CD DAISY (18:32 h), Ausleihe 50482
Braillekurzschrift, 7 Bände, Ausleihe 21821
Großdruck, 5 Bände, Ausleihe 838
Entdecken Sie unsere Leseheft-Reihe „Kurz und gut: Literatur für den Brailleeinstieg“
Ab August 2026 startet das dzb lesen mit einer Reihe für erwachsene Leserinnen und Leser, die die Braillevollschrift erlernen möchten. Zur Reihe gehören fünf Lesehefte mit Auszügen aus folgenden Erzählbänden:
- „Ferien mit Agatha Christie: zwölf mörderische Urlaubsgeschichten“ von Agatha Christie
- „Die schönsten Weihnachtsgeschichten am Kamin aus 40 Jahren“
- „Zu faul zum Nichtstun“ von Horst Evers
- „Sommersprossen: Geschichten vom Auftauchen des Glücks“
- „Heute ist Zeit zum Leben: 365 gute Gedanken für jeden Tag“ von Rainer Haak
Die Reihe erscheint in Vollschrift einzeilig sowie Vollschrift weitzeilig. Zusätzlich wird es auch die Downloadvariante (BRL-Format, Vollschrift einzeilig) geben.
Hier sind die Vorteile, die unsere Reihe so besonders machen:
Kurze und fesselnde Geschichten
Jede Geschichte ist nicht zu lang, so dass sie leicht zu bewältigen ist und gleichzeitig spannend bleibt.
Motivierend für Anfänger
Die übersichtlichen Inhalte sind ideal für Leseanfänger, die schnell Erfolge erleben möchten und so die Lust am Lesen entdecken.
Altersgerechte Themen für Erwachsene
Unsere Geschichten sind speziell für Erwachsene ausgewählt und bieten ein ansprechendes Lesevergnügen – egal, ob es sich um Weihnachtsgeschichten, spannende Krimis oder humorvolle Kurzgeschichten handelt.
Vielfältiges Themenspektrum
Genießen Sie die Abwechslung! Unsere Lesehefte decken eine breite Palette von Themen ab und bieten für jeden Geschmack etwas.
Einfacher Lesefluss
Die Texte sind in einer klaren, verständlichen Sprache verfasst. So kommen Sie schnell in den Leseflow und erleben Freude beim Lesen.
Handliches Format und kostengünstig in Heftform
Dank des kompakten Formats (ca. 220 x 297 mm, etwas breiter als A4) passen unsere Hefte mühelos in jede Tasche – perfekt für unterwegs oder eine entspannte Lesezeit zu Hause. Unsere Lesehefte sind preiswert, so dass Sie sich unbeschwert in neue Geschichten vertiefen können.
Alle fünf Lesehefte erscheinen gleichzeitig und können einzeln ausgeliehen bzw. gekauft werden (kein Verkauf im BRL-Format).
Preis: 4 Euro pro Heft
Entdecken Sie unsere neue Leseheft-Reihe, die perfekt für alle ist, die ihre Lesefähigkeiten verbessern möchten! Lesen Sie selbst oder machen Sie anderen eine Freude damit!
Wenn Ihnen die ausgewählten Texte im Heftformat gefallen, können Sie gern auch den kompletten Band kaufen oder ausleihen. Ihre Bestellungen richten Sie bitte per E-Mail an verkauf@dzblesen.de oder telefonisch an 0341 7113119.
Seitenwechsel
In „Seitenwechsel“ kommen Nutzerinnen und Nutzer des dzb lesen zu Wort. Sie haben von überall in Deutschland zu uns gefunden und nehmen unser Leseangebot in Anspruch. Hier stellen Sie sich vor.
Melis Uzun: „Lesen gehört zu meinen größten Leidenschaften“
Frau Uzun: Stellen Sie sich bitte einmal vor!
Mein Name ist Melis, ich bin 17 Jahre alt und wohne im schönen Westerwald in Rheinland-Pfalz. Ich bin Schülerin.
Ich kenne das dzb lesen schon lange. Ich wurde von meiner damaligen Lehrerin an der Blindenschule auf das Zentrum aufmerksam gemacht. Seit dem 6. Oktober 2016 bin ich Nutzerin. Ich lese Brailleschriftbücher und höre Hörbücher.
Die Hörbücher lade ich mir im Download über die dzb lesen-App herunter. Die Brailleschriftbücher lese ich in gedruckter Form. Ich liebe einfach das Gefühl von Papier unter den Fingern.
Was verbindet Sie persönlich mit unserem Haus?
Ich nutze das dzb lesen, weil ich aufgrund meiner Blindheit herkömmliche Bücher nicht lesen kann, aber trotzdem nicht auf mein Lesevergnügen verzichten möchte. Ich schätze das freundliche Team, ich werde immer nett beraten. Man spürt einfach, dass die Mitarbeitenden für Literatur brennen, und das ist natürlich ein sehr schönes Gefühl. Leider war ich noch nie im dzb lesen, würde das aber sehr gern ändern und zu einem Tag der offenen Tür nach Leipzig kommen.
Sie sind herzlich zu unserem Tag der offenen Tür am 5. September 2026 eingeladen. Wissen Sie noch, welches Ihre ersten Bücher waren, die Sie im dzb lesen bestellt haben?
So direkt kann ich mich daran nicht mehr erinnern, aber zum Glück kann man in der dzb lesen-App nachschauen. Das erste Hörbuch, das ich ausgeliehen habe, war "Der kleine Mann" von Erich Kästner. Auch bei den Braillebüchern bin ich mir nicht sicher, habe aber einfach in der Braillebibliothek nachgefragt. Das erste Braillebuch, das ich entliehen habe, war „Wanda Walfisch“ von Davide Cali. Ich habe an beide Bücher keine Erinnerung mehr, das ist zu lange her.
Welche Art von Literatur lesen Sie heute am liebsten?
Ich lese am liebsten Gegenwartsliteratur. Drei Titel, die ich empfehlen kann sind: "22 Bahnen" von Caroline Wahl, "Die Erfindung des Dosenöffners" von Tarkan Bagci und "Die Tage in der Buchhandlung Morisaki" von Satoschi Yagisawa. Da würde ich mich riesig freuen, wenn ihr die Fortsetzung "Die Abende in der Buchhandlung Morisaki" übertragen könntet.
Welche Materialien leihen Sie sich vom dzb lesen aus und wofür nutzen Sie diese?
Das dzb lesen hilft mir in der Schule oft weiter. Ich leihe mir Lektüren aus, wenn es diese in Braille gibt. Beispielsweise habe ich letztes Jahr "Die Welle" von Morton Rhue ausgeliehen. Für den Erdkundeunterricht leihe ich mir gelegentlich auch Relieflandkarten aus.
Und auch in der Freizeit hilft mir das dzb lesen sehr oft weiter. Ich leihe mir Bücher, insbesondere für die Ferien oder Urlaube, aus. Wenn der Postbote dann mit den Bücherkoffern kommt, freue ich mich immer sehr.
Ich werde demnächst einigen Fünftklässlern an meiner Schule etwas über meine Blindheit erzählen und sie dürfen mir auch Fragen stellen. Für diesen Zweck habe ich mir Braillealphabete im dzb lesen gekauft, um den Kindern die Punktschrift zu zeigen. Ich hoffe, dass das ein schönes Projekt wird, denn ich finde es wichtig, dass Kinder früh mit dem Thema Behinderung in Berührung kommen. Nur so können sie Empathie für andere Menschen entwickeln.
Sie schreiben, dass ihre Perspektive aufs Lesen als junge Leserin bestimmt spannend ist. Erläutern Sie bitte ihre Perspektive.
Oft hört man, dass junge Menschen nicht gern lesen und nur an Bildschirmen kleben. Bei mir ist das zum Glück anders: Lesen gehört zu meinen größten Leidenschaften. Meine Perspektive ist sehr spannend, weil ich mir als junge Leserin auf Grund meiner geringen Lebenserfahrung durch die Literatur eine eigene Meinung zu Figuren, Lebensansichten und verschiedenen Themen bilde. Besonders inspirieren mich starke Frauenfiguren, wie zum Beispiel Tilda in "22 Bahnen". Auch Figuren, deren Beruf mich interessiert, z.B. Journalistinnen, faszinieren mich und sind mir eine Art Vorbild.
Wie stehen Sie als junger Mensch zu digitalen Formaten?
Ich finde es gut, dass man Braillebücher über die Braillezeile lesen kann. Braille nimmt viel Platz weg, da spart man sich die dicken Bücher. Außerdem ist es einfacher und kostengünstiger, Braillebücher zu produzieren. Ich persönlich lese aber nicht gerne auf der Braillezeile, weil ich die in der Schule schon immer nutze. Privat nutze ich die Braillezeile für E-Mails und zum Recherchieren.
Wenn auch Sie an dieser Stelle unsere Fragen gern beantworten möchten, dann schreiben Sie uns (presse@dzblesen.de) oder rufen uns unter 0341 7113-148 an.
Gelesen und empfohlen
Eine ganz besondere Freundschaft
Hanna ist neu in Josefins Klasse. Sie ist sehr zurückhaltend und abweisend. Josefin bekommt das Gefühl, Hanna verbirgt etwas. Dennoch gibt sie ihr eine Chance und die beiden Mädchen freunden sich nach und nach an. Hanna verbringt schöne Abende bei Josefins Familie und findet heraus, welchen Wert Familie haben kann. Immer wieder erhält sie bei diesen Treffen Anrufe und muss danach eilig aufbrechen. Es wirkt alles sehr geheimnisvoll. Was sind die Hintergründe dieser Anrufe? Und ist Hanna in Gefahr?
Susan Kreller beschreibt in ihrem Jugendroman eine tiefgehende und berührende Freundschaft. Beide Mädchen gelten in ihrem sozialen Umfeld als Außenseiterinnen und sind auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Zusammen entdecken sie die Bedeutsamkeit der gegenseitigen Unterstützung und, dass nicht viele Personen nötig sind, um sich sichtbar zu fühlen. Besonders die sanfte und dennoch fesselnde Bildsprache der Autorin hat mich in ihren Bann gezogen. Ich wollte das Buch gar nicht weglegen und habe es in einem Rutsch gelesen. Zum Schluss endet die Geschichte mit einem großen Knall, der einen sprachlos macht und zur vielfältigen Reflexion des Buches beiträgt.
3/4 Bände, Kurzschrift/Vollschrift, Ausleihe 21067/21068
2 Bände, Großdruck, Ausleihe 626
Technik getestet
Das Ziel dieser Rubrik ist es, Technik auf eine verständliche Weise für Laien darzustellen. Besonders für Menschen, die neu mit Sehverlust konfrontiert sind, kann die Hemmschwelle oft sehr hoch sein. Daher möchten wir Berührungsängste abbauen und einen einfachen Zugang zu den zahlreichen technischen Hilfsmitteln schaffen. Es handelt sich hier um Erfahrungsberichte von Anwendern und keine fachlich ausgearbeiteten Testberichte.
Für besseren Durchblick – die RayBan-Meta-Brille
Sie ist in aller Munde und, so kann ich aus eigener Erfahrung sagen, erregt Aufmerksamkeit und wirft Fragen auf – die smarte Brille, die vom US-Konzern Meta mit dem Hersteller von Sonnenbrillen RayBan entwickelt wurde. Das Für und Wider in der Argumentation ist groß, für mich als praktisch blinde Person überwiegen die positiven Aspekte.
Auch ich bin keine Freundin des Konzerns Meta. Jeder Mensch, der so eine Brille nutzt, sollte sich der Gefahren im Bereich Datenschutz klar sein. Also, wenn man sich für die Brille entschieden hat, erst einmal in der Meta AI App auf dem Handy nachsehen. Unter Datenschutzbestimmungen kann man auch punktgenau sofort löschen und abwählen. Wie bei allen Dingen im Leben, besonders beim Umgang mit Technik muss man wissen, was man tut. Der sensible Umgang mit persönlichen Daten und der Respekt vor den Persönlichkeitsrechten anderer Menschen ist sehr wichtig.
Ich habe mich entschieden, eine solche Brille zu nutzen. Die Einrichtung ist recht einfach. Am Smartphone muss aus dem jeweiligen Store die Meta AI App installiert werden. Dort muss man die Brillenart angeben und einige Einstellungen tätigen, z. B. ein Meta-Konto (Facebook-Account o. ä.) anmelden. Das ist aber als blinder oder sehbehinderter Mensch durchaus ohne Hilfe möglich. Übrigens gibt es unterschiedliche Modelle. Man kann diese entweder im Internet bestellen, oder, wie ich es auch gemacht habe, beim Optikerfachhandel kaufen und sich beraten lassen. Manche Optikergeschäfte helfen sogar bei der Einrichtung.
Warum noch ein neues Hilfsmittel?
Kann das Handy das nicht alles? Ja und nein, ist meine Antwort. Jeder blinde oder sehbehinderte Mensch, der mit Langstock und/oder Blindenführhund unterwegs ist, weiß, wie oft die dritte Hand fehlt. Für viele Apps, die durchaus nützlich sind, hat man dann noch das Handy in der Hand. Da hat diese Brille ihren ersten Punkt für mich. Mein Handy bleibt im Rucksack, ich kann jeden Anruf annehmen, ablehnen, auslösen. Ich kann durch einfaches Tippen am Brillenbügel in der Bahn stehen und Podcast oder Hörbuch hören. Die im Gestell der Brille eingebauten Mikrofone und Lautsprecher sind sehr gut, besser als viele Kopfhörer. Die Brille funktioniert an dieser Stelle wie ein Headset, es ist aber ein freieres Gefühl. Man hat eben eine Brille auf und ich würde sagen, ich bekomme zu 99 Prozent alles mit, was in meiner Umgebung passiert. Von Freunden wurde mir auch bestätigt, dass sie kaum Umgebungsgeräusche meiner Telefonate wahrnehmen, selbst an lauten Straßen oder bei Wind.
Blindheit bewahrt nicht vor Eitelkeit – im Gegensatz zu manch anderen smarten Brillen, die als Hilfsmittel außerdem mitunter das Fünffache kosten, sieht man mit der Brille von RayBan immer gut aus. Ich habe nicht nur ein Kompliment für die Brille bekommen.
Navigation über Handy und Brille
Die Brille ist mit meinem Handy über Bluetooth verbunden und benötigt immer Internet. Ich kann das Handy bedienen, ohne dass jemanden meine VoiceOver- oder TalkBack-Bedienung „stört“. Ich kann eine Navigationsapp meiner Wahl auf dem Handy starten und habe die Navigation dann auf der Brille.
Eine wichtige Kooperation ist die zwischen Meta und Be My Eyes. Für mich ein Wermutstropfen dabei ist, dass leider „nur“ die Funktion „Einen Freiwilligen anrufen“ direkt auf der Brille nutzbar ist. Ich mache lieber selbst ein Foto. Ich kenne aber einige, die gern diese Funktion nutzen. Besonders toll, auch für meine Orientierung im Straßenverkehr und für Verabredungen, finde ich die Möglichkeit, einen meiner persönlichen WhatsApp-Kontakte auf das Video der Brille zu schalten. Ich starte bei WhatsApp einen Videoanruf mit der Person, drücke zweimal eine Taste am Bügel und schon schaut die Person durch meine Brille und sieht, was ich nicht sehen kann.
Rechnungen oder Speisekarte vorlesen lassen
Mein Papierkram zu Hause kann mich nicht mehr so schrecken. „Hey Meta, was halte ich für ein Dokument in der Hand?“ Ihre Antwort „Sie halten eine Rechnung des dzb lesen über ein Zeitschriftenabo in der Hand“. „Hey Meta, von wann ist die Rechnung“… Die KI in der Brille macht Zusammenfassungen der Dokumente, das hilft ungemein bei der Schnellorientierung. Wenn ich etwas genauer wissen will, bitte ich darum, den genauen Text vorzulesen oder nehme die bekannten Hilfen wie Scanner und Vorlesesystem. In der Gaststätte war ich schon schneller als sehende Freunde, weil ich nicht die ganze Speisekarte lesen musste, sondern einfach gefragt habe „Hey Meta, welche Gerichte gibt es mit Lamm und Spinat?“. Die beiden Gerichte hat sie dann vorgelesen, was interessieren mich die anderen, wenn ich weiß, was ich will?
Fazit
Die Nutzungsmöglichkeiten können hier nur angerissen werden. Die Entwicklung ist auch noch, na sagen wir, in den Jugendschuhen. Ich selbst lerne jeden Tag dazu und mal klappen Dinge sehr gut, manchmal bin ich unzufrieden. Dennoch empfinde ich ein starkes Gefühl von Unabhängigkeit, wenn ich die Brille nutze. Darum möchte ich Ihnen ans Herz legen, sich mindestens einmal damit zu beschäftigen. Es gibt auch Podcasts im Internet, die sich mit der Nutzung der Brille befassen. Natürlich stehen auch wir, vom Team LOUIS, gern beratend für Sie zur Verfügung (telefonisch unter 0341 7113-0 oder unter louis@dzblesen.de).
Fragebogen
Sechs Fragen – sechs Antworten
Was ist Ihre Aufgabe im dzb lesen?
Ich bin verantwortlich für die Auswahl und Planung der Titel, die im dzb lesen in Produktion gehen. Die für die einzelnen Editionsformen notwendigen Titelpläne werden von mir erstellt.
Welche Arbeit haben Sie gerade auf dem Tisch?
Aktuell sichte ich die Herbstkataloge mit den Neuerscheinungen der deutschsprachigen Verlage, ca. 0,3 % davon werden dann in unsere Produktion aufgenommen. Und natürlich bereite ich schon die Übergabe an meine Nachfolgerin Antje Graf vor, weil ich Mitte des Jahres in den Ruhestand gehe.
In meiner Freizeit beschäftige ich mich am liebsten mit …
Fotografie, Literatur, Kunst …
Welche drei Dinge würden Sie auf eine Insel mitnehmen?
Sonnenschirm, Sonnenbrille, Sonnenöl.
Haben Sie ein Buch, das Sie empfehlen können?
Stellvertretend für viele andere Bücher und gerade jetzt: „Kassandra“ von Christa Wolf.
Ihr Lebensmotto?
Ein bestimmtes Motto habe ich nicht.
Rätsel
Machen Sie mit und gewinnen Sie!
Wir wollen wissen: Wie viele Lesehefte gehören zur Reihe „Kurz und gut: Literatur für den Brailleeinstieg“?
Schicken Sie Ihre Antwort bis zum 11. August 2026 per E-Mail (presse@dzblesen.de) oder per Post an: dzb lesen, Kennwort: Rätsel „in puncto dzb lesen“, Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig.
Das können Sie gewinnen: ein Emoji-Büchlein.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des dzb lesen können nicht teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Auflösung aus 1/2026
Die richtige Antwort lautet: Der achte Teil. Die glückliche Gewinnerin heißt: Marion Lange. Herzlichen Glückwunsch!
Impressum
Herausgeber, Herstellung, Vertrieb
Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen)
Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig
Telefon: 0341 7113-0
info@dzblesen.de, www.dzblesen.de
Redaktion
Gabi Schulze
Telefon: 0341 7113-148
g.schulze@dzblesen.de
Abonnements, Anzeigen
Telefon: 0341 7113-120
abo@dzblesen.de
„in puncto dzb lesen“ erscheint viermal im Jahr kostenfrei per E-Mail, online unter www.dzblesen.de, im Format DAISY digital sowie in Braille-Kurzschrift digital. Kostenpflichtig erscheint die Zeitschrift im Format DAISY als CD sowie in Braille-Kurzschrift gedruckt. Das kostenpflichtige Abonnement gilt für ein Jahr ab Bezugsbeginn und kann anschließend jederzeit monatlich gekündigt werden. Es gelten die AGB des dzb lesen, die vollständig unter www.dzblesen.de/agb einsehbar sind. Auf Wunsch senden wir die AGB gern zu.
dzb lesen 2026
Danke Freunde!
dzb lesen wird unterstützt vom Förderverein „Freunde des barrierefreien Lesens e.V.“
Alle Infos: www.barrierefreies-lesen.de
Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft
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